Nuancen im AIDA-Reglement

Da demnächst wieder ein Wettkampf ansteht, möchten wir die Gelegenheit ergreifen, um in das Reglement zu schauen. Denn schließlich möchte keiner einen langen Weg und all die Aufregung auf sich nehmen, um doch wieder mit einer gelben oder gar roten Karte nach Hause zu fahren.

Es sind aber nicht immer die Athleten, die die Regeln vergessen, auch die Wettkampfrichter haben es im Paragraphendschungel manchmal schwer. So gibt es einige Nuancen im Reglement, die z.B. auf der diesjährigen Individual-Weltmeisterschaft für Verwirrung gesorgt und zu Protesten geführt haben.

Das Oberflächenprotokoll

Wie man im Regelwerk (Abschnitt 3.1.17.3) nachlesen kann, muss der Athlet nach Beendigung seines Tauchgangs ein Protokoll durchführen:

  1. Gesicht freimachen (Maske, Brille, Nasenklammer etc. abnehmen)
  2. Ein sichtbares OK-Zeichen geben
  3. „I’m OK“ oder „I am OK“ sagen

Dies muss man in genau dieser Reihenfolge machen und hat dafür genau 15 Sekunden, nachdem man mit den Atemwegen aus dem Wasser raus ist. Beim letzten Burgebracher Kelch hat eine Athletin diese Reihenfolge nicht beachtet und bekam dafür eine rote Karte. Sie vertauschte nämlich die Schritte 2 und 3.
Andererseits steht im Regelwerk aber auch, dass das Protokoll selbst mit dem Freimachen des Gesichts beginnt. Gibt man also davor schon ein OK-Zeichen oder sagt „I’m OK“, so gilt das noch nicht als Disqualifikation, da man rein formell noch gar nicht mit dem Protokoll begonnen hat. Dies kann man z.B. hier sehen:

sta_protocol

Der Athlet vergisst zunächst die Nasenklammer abzunehmen, gibt ein OK-Zeichen und sagt „I’m OK“. Sein Coach sagt ihm, dass er die Nasenklammer abnehmen soll. Dies tut er und gibt dann wieder ein OK-Zeichen und sagt schnell „I’m OK“.
Die Judges gaben ihm zunächst Rot, weil er das Protokoll vermeintlich in der falschen Reihenfolge durchgeführt hat. Da aber das Protokoll formal noch gar nicht begonnen hat, weil er noch gar nicht angefangen hatte sein Gesicht freizumachen, spielt es keine Rolle, was er davor gemacht hat.
Dem Protest wurde stattgegeben.
[UPDATE 2016-11-15]Bitte beachtet, dass in Abschnitt 3.1.17.2 des Regelwerks steht: „The SP starts when the Athlete begins to remove his/her facial equipment with the hand(s) from the face“. Heißt also für einen Nasenklammer- und Brillenträger, dass wenn man anfängt eines davon abzunehmen, das Protokoll ab diesem Zeitpunkt beginnt. Nimmt man also z.B. seine Nasenklammer ab und vergisst seine Brille abzunehmen, gibt aber trotzdem ein OK-Zeichen, dann kann man das nicht wieder gut machen und bekommt Rot.[/UPDATE]

Ein Tipp für das Training: Man sollte nach jedem noch so kleinen Tauchgang das Oberflächenprotokoll durchführen, so dass es sich automatisiert und man im Wettkampf nach einem anstrengenden Tauchgang nicht mehr darüber nachdenken muss.
Aufpassen sollte man auch, wenn man im Wettkampf zusätzliches Equipment benutzt. So vergaß ein Athlet beim Tyrolean Cup dieses Jahr seine Nasenklammer abzunehmen, weil er im Training nie eine benutzt hatte und handelte sich so eine rote Karte ein.

Statik

Kommen wir nun zu einer Spezialität bei Statik. Bei dieser Disziplin sieht man Athleten öfters sich auf dem Rücken vorbereiten. Bei Beginn des Tauchgangs dreht man sich dann meist selbständig um, wie hier gezeigt:

sta_turn

Hier dreht sich der Athlet noch selbst um. Man könnte aber schnell auf die Idee kommen sich vom Coach umdrehen zu lassen, weil der Athlet sich somit nicht selbst anstrengen muss und entspannter startet. Was dann auch bei der diesjährigen WM passierte.
Der Athlet bekam zunächst eine rote Karte, weil der Coach ihm angeblich nicht beim Abtauchen helfen durfte. Dies gilt aber nur für alle anderen Disziplinen außer Statik, also Streckentauchen und Tieftauchen. Dort darf der Athlet nach seinem Official Top (dem Zeitpunkt an dem er seinen Tauchgang beginnen muss) von niemandem mehr angefasst werden.
Bei Statik darf man aber vor und während des Tauchgangs von seinem Coach angefasst werden. Die Regeln sagen auch nichts explizit darüber, dass man nicht umgedreht werden darf. Somit wurde dem Protest stattgegeben.
Nach der Beendigung des Tauchgangs darf man den Athleten aber natürlich nicht anfassen, bis er seine weiße Karte bekommen hat, denn sonst wird dieser Disqualifiziert.

Dynamik

Es haben bestimmt schon einige den 300 m CMAS-Tauchgang von Arthur Guérin-Boëri und seine sehr geschmeidige Wende gesehen. Diese geht aber nicht ganz konform mit dem AIDA-Regelwerk. Hier zunächst seine schöne Wende:

dyn_bottom_touch

Man kann sehen, dass er sich während des Abstoßes vom Rand zusätzlich noch mit der linken Hand am Boden hält und sich zum Schluss sogar von diesem Abstößt, was aber bei AIDA nicht erlaubt ist, da nur Schwimmbewegungen oder der Abstoß bei der Wende vom Ende einer Bahn erlaubt sind um sich fortzubewegen (Abschnitt 6.1.11).
Dafür bekam Boeri nach seinem DNF-Tauchgang bei der AIDA-WM in Turku eine gelbe Karte. Richtig wäre z.B. diese Wende durchgeführt von Maria Unverricht:

dyn_turn

Nachdem sie sich vom Ende der Bahn abgestoßen hat, bringt sie ihre Arme eng am Körper vorbei nach vorne.

Man sollte auch beachten, dass ein Abstoß vom Boden beim Auftauchen ebenfalls verboten ist. Seit Anfang 2015 ist es aber erlaubt sich am Beckenrand hochzuziehen. Dies aber nur solange man senkrecht hochkommt. Man darf sich dabei nicht zur Seite ziehen, um noch einen extra Meter zu ergattern.

Das war’s für Heute. Wir wünschen allen Athleten weiße Karten und persönliche Bestleistungen!